Pride & Prejudice: über Vorurteil

Guten Morgen allesamt!

Gestern war ich auf dem deutsch-amerikanischen Freundschaftsfest, das zurzeit in Wiesbaden stattfindet. Auch wenn alle Besucher beiden Kulturen positiv gegenüber eingestellt waren, ließ sich das ein oder andere Augenrollen nicht vermeiden. Vorurteile waren nicht nur allgegenwärtig, das Feuer wurde auch noch geschürt, indem sie sich wieder und wieder bestätigten.
Rundliche englisch-sprechende Eltern, die ihren Kindern fettige Pommes, Zuckerwatte und reichlich Softgetränke kauften und dabei konstant an ihren Smartphones hingen… Und auf der anderen Seite, die anständigen, stets bedachten Deutschen, die sich bei dem Konzert allenfalls zu einem verhaltenen Applaus hinreißen lassen konnten, während die Amerikaner die Band unterstützend vor der Bühne tanzten…
Dass auch spindeldürre Jugendliche jegliches Fastfood in sich hineinschaufelten oder reihenweise deutsche Herren ihren Bierbauch bei einem oder zwei oder drei kühlen Blonden pflegten und dass die Hälfte der Tanzenden Deutsche waren, die ihren amerikanischen Freunden zu Liebe englisch sprachen, blieb dabei weitestgehend unbemerkt.
Die Besucher sahen eben, was sie sehen wollten.

 

In Jane Austens Pride & Prejudice (zur Rezension) ist das ganz ähnlich:

pride and prejudice

„With a strong prejudice against everything he might say, she began his account of what had happened at Netherfield.“ (Volume II, Kapitel XIII)
Elizabeth ist sich sicher, dass nichts, was Mr. Darcy zu seiner Verteidigung zu sagen hat, ihre Meinung über ihn ändern könnte. Hat sie doch genug über ihn in Erfahrung gebracht, um sich ihr eigenes Urteil bilden zu können.

„Pleased with the preference of one, and offended by the neglect of the other, on the very beginning of our acquaintance, I have courted prepossession and ignorance, and driven reason away, where either were concerned.“ (Volume II, Kapitel XIII)
Nachdem Elizabeth Mr. Darcy’s rechtfertigenden Brief gelesen hat, erkennt sie, dass sie ihm gegenüber Unrecht getan hatte; dass ihr Urteil ihn betreffend nicht auf ihren eigenen Eindrücken aufbaut, sondern auf derer anderer. Er ist ein guter Mensch, wenn er auch einen anderen ersten Eindruck auf sie machte. Sein Bekannter Mr. Wickham hingegen, der die Etikette der damaligen Gesellschaft nutzt, um sich besser darzustellen als er ist, wickelt sie gekonnt um den kleinen Finger. Die Aufmerksamkeit des Einen und die Unverschämtheit des Anderen blendeten Elizabeth und ließen sie falsche Schlüsse ziehen. Erst nachdem sie beide besser kennenlernt, erkennt sie, dass der erste Eindruck nicht der richtige war.

„One has got all the goodness, and the other all the appearance of it.“ (Volume II, Kapitel XVII)
In ihrem fortwährenden Streit, kommt Mr. Darcy bei weitem nicht so gut weg, wie Mr. Wickham, der zunächst das Opfer zu sein scheint. Doch zu jeder Geschichte gibt es zwei Seiten und wie die Geschichte ausgelegt wird, ist maßgebend für denjenigen, der sie hört. So beeinflusst Wickham Elizabeth zu seinen Gunsten und bringt ganz Hertfordshire gegen Mr. Darcy auf, der sich absolut nichts vorzuwerfen hat.

„As to his real character, had information been in her power, she had never felt a wish of inquiring. His countenance, voice, and manner had established him at once in the possession of every virtue.“ (Volume II, Kapitel XIII)
Als die Wahrheit ans Licht kommt, ist Elizabeth peinlich berührt, weil sie Wickham gegenüber so voreingenommen war. Ihr Vorurteil ihm gegenüber war nicht von negativer Natur. Grundlos mochte sie ihn, vertraute ihm und glaubte ihm alles, was er im Bezug auf Mr. Darcy zu sagen hatte, ohne einen Zweifel anzubringen. Zurückblickend würde sie seine Gesellschaft kein zweites Mal suchen und sich eher ihr eigenes Bild von Mr. Darcy machen, als jemandem Glauben zu schenken, den sie kaum kennt.

 

Welche Form von Vorurteil fndet ihr gefährlicher?
Diese, die einem Menschen unsympathisch  macht, obwohl sie absolut anständige Leute sind?Oder diese, die einen glauben lässt, man könnte seinem Gegenüber vertrauen, wenn dem wirklich nicht so ist?

Mein Freund sagt immer, sein Vertrauen und seinen Respekt müsse man sich verdienen, weil zu viele „Freunde“ sich dem unwürdig gezeigt haben.
Bei mir ist es genau anders herum: Ich vertraue in der Regel jedem bis er mir einen Grund gibt, es nicht länger zu tun. Und damit bin ich bisher recht gut gefahren.

Wie sieht das bei euch aus?
Und welche allgemeinen Vorurteile werden auch euch des Öfteren zum Verhängnis?
Achtet ihr auf die Kleidung eures Gegenübers, sein Aussehen, seine Körperhygiene, seinen Umgang mit anderen, ob sein Verhalten mit eurer Kultur in Einklang ist, seine Sprache und Ausdrucksweise, seinen Schulabschluss, seinen Beziehungsstatus, die Anzahl seiner Freunde auf Facebook, seine Hautfarbe, seine Religion, seine politische Einstellung, etc.?

 

 

 

Ihr wollt mehr zu Jane Austen’s Stolz und Vorurteil? Klinkt euch hier in Diskussionen zum Thema Heirat oder zum Thema Stolz ein.

 

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2 Antworten zu Pride & Prejudice: über Vorurteil

  1. iri97 schreibt:

    Ich mag deinen Vergleich mit einem solch bekannten Buch, das auch noch so toll gepasst hat.
    Ich muss sagen, dass man als Halbrussin natürlich den ein oder anderen Kommentar sich manchmal anhören darf, wenn auch nur zum Spaß, so ist in jedem Spaß doch etwas ernst dabei nicht war? 😀
    Ich versuche deshalb allem gegenüber offen zu sein, doch man bleibt eben doch nie verschont, eigentlich schade, denn auch wenn man manchmal darin bestätigt wird, so darf man eben nie verallgemeinern, ich finde du hast es schön ausgedrückt: Der erste Eindruck kann oft trügen. ^^

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    • weltentzueckt schreibt:

      Tut mir natürlich leid, dass du so etwas erleben musstest. Ich wette, die meisten Leute meinen es gar nicht böse und trotzdem greift es dich verständlicherweise an. Ist ein ganz schmaler Grat und alle die sagen, sie wären vorurteilsfrei, lügen. Jeder hat gewisse Vorurteile oder zumindest ein Verständnis von „normal“ und „anders“ von seinen Eltern mit auf den Weg bekommen. Wie man damit umgeht, wie man an sich selbst arbeiten kann, bleibt aber jedem selbst überlassen. In Kambodscha waren viele chinesische Touristen und die meisten waren fürchterlich rücksichtslos, laut und haben alles verdreckt. Und dann waren wir auf einer Eintagestour und mit an Bord 15 Chinesen und wir dachten schon „oh nein…“ aber es waren Hongkong-Chinesen und total kultiviert und lieb und rücksichtsvoll und gar nicht wie wir dachten. Haben uns bei dem gemeinsamen Seafood BBQ bestens amüsiert! So kanns gehen…

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