Pride & Prejudice: über Heirat

Hallo, ihr Lieben!

Ich hatte euch mehr zum Thema Stolz & Vorurteil von Jane Austen versprochen, welches ich erst kürzlich beendet habe. Dieses Buch strotzt nur so von großartigen, inspirierenden und einen höchst nachdenklich stimmenden Zitaten und hat mich auch deshalb absolut in seinen Bann gezogen.

Aus unserer heutigen Sicht wird das Motiv Heirat in der Geschichte vielleicht etwas überzogen behandelt. Warum ziehen die Mädchen nicht einfach aus, werden Lehrerinnen oder Ärztinnen und leben ihr Leben selbstständig? Weil Frauen in der damaligen Zeit einen bei weitem nicht so hohen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Stellenwert hatten wie Männer.
Auch Männer stehen zu der Zeit und in dem Roman unter großem gesellschaftlichen Druck, sich zu vermählen, obgleich das Auslassen sie nicht komplett zerstören würde, deshalb spricht Austen von einer „allgemein anerkannten Wahrheit“, dass ein jeder wohlsituierter Mann eine Frau zu finden gedenkt:
„It is a truth universally acknowledged, that a single man in possession of a good fortune, must be in want of a wife.“ (Volume I, Kapitel I)

Die Zukunft der fünf Bennet-Töchter jedoch ist vollends ungewiss, sollten sie nicht zu ihres Vaters Lebzeiten verheiratet werden, denn dessen gesamter Besitz kann rechtlich nur an den nächsten männlichen Verwandten vererbt werden. Es ist also nachvollziehbar, dass das Thema für Mrs. Bennet höchste Priorität hat.

Von ihr sagt der Erzähler
„[…] but being satisfied on seeing her (Jane) that her illness was not alarming, she (Mrs. Bennet) had no wish of her recovering immediately, as her restoration to health would probably remove her from Netherfield“ (Volume I, Kapitel IX)
Jane Bennet wird bei einem Besuch Netherfields krank und kann den Rückweg nicht antreten. Als Mrs. Bennet ihre Tochter besucht, ist sie zwar beruhigt, weil Jane nicht sterbenskrank ist, wünscht ihr aber dennoch keine schnelle Genesung. Diese würde sie schließlich von Netherfield entfernen, und somit von der Möglichkeit den Besitzer Mr. Bingley um den kleinen Finger zu wickeln. Dass eine Mutter ihre Tochter lieber krank als unverheiratet wünscht, zeigt den Wunsch der Ersten nach finanzieller Absicherung und gesellschaftlichen Aufstieg für die Zweite.

„My reasons for marrying are, first, that I think it a right thing for every clergyman in easy circumstances (like myself) to set the example of matrimony in his parish; secondly, that I am convinced that it will add very greatly to my happiness; and thirdly—which perhaps I ought to have mentioned earlier, that it is the particular advice and recommendation of the very noble lady whom I have the honour of calling patroness.  […] But the fact is, that being, as I am, to inherit this estate after the death of your honoured father (who, however, may live many years longer), I could not satisfy myself without resolving to choose a wife from among his daughters, that the loss to them might be as little as possible, when the melancholy event takes place—which, however, as I have already said, may not be for several years. This has been my motive, my fair cousin, and I flatter myself it will not sink me in your esteem. And now nothing remains for me but to assure you in the most animated language of the violence of my affection.“ (Volume I, Kapitel XIX)
Mr. Collins‘ Antrag zieht sich und zieht sich. Er listet unendlich viele praktische Gründe für eine Heirat auf und hegt nicht einen einzigen romantischen oder liebevollen Hintergedanken. Ihm geht es um die Vorteile, die er für sich gewinnen kann und in keinster Weise um das Glück und die Freude seiner Partnerin.

In diesem Sinne passen er und seine Charlotte wohl sehr gut zusammen, denn auch Charlotte ist die Sicherheit, die eine Ehe mit sich bringt, wichtiger, als Romantik und Liebe. Letzteres ist ihrer Aussage nach zu urteilen ein Luxus, der möglicherweise, aber definitiv nicht jedem, zugestanden wird:
„When she is secure of him (Jane of Mr. Bingley), there will be more leisure for falling in love as much as she chooses.“ (Volume I, Kapitel VI)

„An unhappy alternative is before you, Elizabeth. From this day you must be a stranger to one of your parents. – Your mother will never see you again if you do not marry Mr. Collins, and I will never see you again if you do.“ (Volume I, Kapitel XX)
Gut für Elizabeth, dass Mr. Collins und Charlotte sich so schnell nach dem peinlichen Antrag gefunden haben. Denn Elizabeth denkt weniger praktisch und möchte in ihrer Ehe tatsächlich glücklich werden. Ihr Vater unterstützt sie dabei, hängt er doch in einer mit einer Frau fest, die er aus allen erdenklichen falschen Gründen geheiratet hat: Lust, Jugend, Schönheit. Zwischen ihm und Mrs. Bennet existieren keinerlei Respekt und ihre Ehe ist das Sinnbild einer gescheiterten Ehe für Elizabeth – und leider scheint Lydia den selben falschen Weg eingeschlagen zu haben. Die Ehe mit Wickham ist der einzige Weg, ihre Tugend wieder herzustellen, doch eine solche Ehe aus all den falschen Gründen ist vorprogrammiert, unglücklich zu enden. Und nicht nur ihr eigenes Glück hat sie mit einer solchen Ehe zerstört, denn auch Kinder leiden unter unglücklichen Eltern:
„But she had never felt so strongly as now the disadvantages which must attend the children of so unsuitable marriage, nor ever been so fully aware of the evils arising from so ill-judged a direction of talents; talents, which, rightly used, might at least have preserved the respectability of his daughters, even if incapable of enlarging the mind of his wife.“ (Volume II, Kapitel XIX)

Später wird Elizabeth klar, dass Mr. Darcy nicht bloß Familienoberhaupt von einer Frau und fünf Kindern ist, sondern das Glück von noch mehr Menschen von seiner Wahl der richtigen Frau abhängt:
„As a brother, a landlord, a master, she considered how many people’s happiness were in his guardianship! – How much of pleasure or pain it was in his power to bestow!“ (Volume III, Kapitel I)

„[Do not] risk [your] happiness on the chance of being asked a second time“ (Volume I, Kapitel XIX)
Ironischerweise beschwört Elizabeth Mr. Collins, sie würde ihr Glück nicht aufs Spiel setzen in der Hoffnung ein zweites Mal gefragt zu werden. Doch genau das geschieht letztendlich ja doch. Sie lehnt Mr. Darcy ab und wird der Ehre zuteil, den Antrag wiederholt zu hören.

„what is the difference in matrimonial affairs, between the mercenary and the prudent motive? Where does discretion end, and avarice begin?“ (Volume II, Kapitel IV)
In Heiratsangelegenheiten ist das Einkommen des Partners, wie bereits geklärt, sehr wichtig. Doch der Grat zwischen kluger Absicherung und Geldgier ist sehr schmal und höchst selten wird ausschließlich positiv über die jungen Damen gesprochen, die sich zu vermählen gedenken.

„Her daughter, Miss de Bourgh, will have a very large fortune, and it is believed that she and her Cousin will unite the two estates.“ (Volume I, Kapitel XIV)
Lady Catherine de Bourgh sieht ihre Tochter bereits mit Mr. Darcy verheiratet, da seine Mutter und sie dies seit der beiden frühester Kindheit planten. Des weiteren macht es Sinn und ist von praktikablem Nutzen, da beide über große Ländereien verfügen und dieses Land mit einer Ehe vereinen könnten. Wie gerne hätte ich doch Lady Catherine’s Gesicht gesehen, als sie erfährt, dass ihre Befürchtungen, Mr. Darcy könnte Elizabeth bevorzugen, wahr werden!!

Denn Mr. Darcy sucht in Wahrheit und entgegen seiner eigenen ersten Annahme nicht nach einer kultivierten Frau mit Besitz, sondern nach einer, die ihm ebenbürtig ist und ihm noch etwas beibringen kann:
„he wants nothing but a little more liveliness, and that, if he marry prudently, his wife may teach him.“ (Volume III, Kapitel X)

Elizabeth sieht es ganz ähnlich und fühlt sich ihm mental auch keineswegs unterlegen:
„He is  a Gentleman; I am a gentleman’s daughter; so far we are equal.“ (Volume III, Kapitel XIV)

 

So viel zum Thema Ehe in Stolz & Vorurteil.
Wie steht ihr zu Charlotte’s Entscheidung Mr. Collins zum Mann zu nehmen? Könnt ihr die Entscheidung der finanziellen Sicherheit wegen nachvollziehen oder kommt eine Ehe bei euch nur aus reiner Liebe in Frage?
Und welche Eigenschaften müsste euer künftiger Partner besitzen, um als Heiratskandidat in Frage zu kommen?

 

Ich bin gespannt…
Eure Lisa

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8 Antworten zu Pride & Prejudice: über Heirat

  1. freidichterin schreibt:

    Uh da hab ich meine Facharbeit darüber geschrieben und dabei die Rolle der Frau in Stolz und Vorurteil näher beleuchtet (Elizabeth und Charlotte verglichen).
    Ich bin im Allgemeinen kein Fan von Hochzeiten und Heiraten.
    Mir würde auch schon ein Mr. Darcy reichen.
    Übrigens, wenn du noch nicht genug hast von Elizabeth und Darcy: ich hab diesen Monat „Death comes to Pemberley“ von P.D. James gelesen. Dabei werden unsere lieben Charaktere in einen Kriminalfall verwickelt und obwohl ich sonst nichts mit Krimis anfangen konnte, war es einfach toll, weil man aus Darcys und Elizabeths Sicht liest (nachdem sie schon 6 Jahre verheiratet sind).
    Kann ich nur empfehlen!

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    • lisaroundtheglobe schreibt:

      Ein tolles Thema!! Ich habe meine Bachelorarbeit über Minderheiten geschrieben. Genauer über die Identitätsfindung von transkulturell aufwachsenden Jugendlichen am Beispiel von Arnold Junior aus The Absolutely True Diary of a Part-Time Indian und Esperanza aus House on Mango Street. Bei der Recherche bin ich auch immer wieder über die „Minderheit Frau“ gestolpert. Mega interessant.
      Und ich schaue mir Death comes to Pemberley morgen mal an! Danke für den Tipp!! 🙂

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    • lisaroundtheglobe schreibt:

      Aber um nochmal auf den Heiratskandidaten zurückzukommen. Ich finde, Liebe MUSS sein, um mit jemandem sein Leben verbringen zu wollen, aber es gehören auch noch andere Dinge dazu: arbeitet der andere mit mir an gemeinsamen Problemen, ist er mir ebenbürtig, etc. Ich wollte zB auch keinen Mann, der nur auf der Couch sitzt und sich von mir durchbringen lässt. Ich brauche keinen Millionär(!!!), aber ich bin Stier: ein gewisses Maß an finanzieller Sicherheit gehört dazu und ich brauche einen Mann, der meinen Hang zum Sparen akzeptiert und nicht meint, mein Geld ausgeben zu müssen für Dinge, die mir nicht wichtig sind. Verstehst du, was ich meine?

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      • freidichterin schreibt:

        Ich bin immer noch auf dem Weg um herauszufinden, was ich wirklich möchte in der Beziehung mit anderen Menschen, aber Respekt vor den Dingen, die dir wichtig sind, ist wohl absolut wichtig, wenn man mit dieser Person so viel Zeit verbringen soll.
        Und in unserer heutigen Zeit, in der keine Frau mehr auf einen Mann angewiesen ist, ist im Grunde auch viel möglich (von one-night-stand über Heirat oder Sexbeziehung uvm und eben auch LIEBE)
        Ich bin aber auch so, dass ich platonisch und romantisch ziemlich nahebeieinander stehen habe in der Wichtigkeit: bei der romantischen Beziehung ist es eine platonische mit ein bisschen mehr Körperkontakt und mehr notwendiger Pflege – eigentlich der beste Freund/die beste Freundin.

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      • lisaroundtheglobe schreibt:

        Respekt, Vertrauen (!!) und Ehrlichkeit. Wobei diese drei Eigenschaften so sehr miteinander verknüpft sind… Ohne Ehrlichkeit kein Vertrauen, ohne Respekt keine Ehrlichkeit… Und ich finde es wichtig, dass der eine mit den Macken des anderen leben kann. Er sollte nicht konstant versuchen den anderen zu ändern, sondern erstmal bei sich selbst anfangen. Jeder Mensch hat Fehler und die Kommunikation muss stimmen, um klar zu machen, welche man akzeptieren kann und welche nicht. Im besten Fall kann ich im Umfeld des anderen voll und ganz ich selbst sein, das habe ich bei Freunden nicht, selbst bei den besten.

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