Die (nicht-) schwimmenden Dörfer

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An unserem gerade einmal dritten Tag hier in Kambodscha, schlafen wir erst einmal so richtig aus. Nach allem, was wir die letzten zwei Tage so erlebt haben, haben wir das auch beide bitter nötig… Wir gehen gemütlich frühstücken unter einem großen Ventilator im Garten des Hotels und schreiben unsere 10 Postkarten.

Eigentlich sollen wir um 13:30 Uhr abgeholt werden, um zu den Killing Fields und den schwimmenden Dörfern gebracht zu werden, aber die Khmer sind allgemein nicht sehr pünktlich. Die Uhren gehen hier eben etwas anders… Unsere deutsche Genauigkeit ist hier Fehl am Platz. Als wir eine Stunde zu spät abgeholt werden – wir hatten schon befürchtet vergessen worden zu sein – hat der Fahrer doch tatsächlich unsere Boottickets vergessen und muss zurück in das Büro. Uns setzt er kurzerhand in einem sehr schönen, und teuren, Souvenirladen ab und schlägt vor, wir sollten in der Zwischenzeit einkaufen. Zu dem Zeitpunkt denke ich, dass die Khmer einfach schlecht organisiert oder vergesslich sind… Nach einem kompletten Monat in diesem Land, sollte mir aber irgendwann ein Licht aufgehen. Ziemlich sicher setzen sie jede Gruppe unter dem Vorwand ab, die Tickets vergessen zu haben, um die reichen Touristen dazu zu bringen, unnötig Geld auszugeben. Aber was solls, wir schauen uns alles an und werden nach einigen Minuten wieder eingesammelt.

Mit vier Franzosen, drei Indern, drei Chinesen und den beiden Fahrern brechen wir also auf Richtung Süden. Die beiden Inder, die neben mir sitzen, bringen mich fast zum Heulen. Sie ziehen die Nasen hoch, spucken aus dem Fenster und verhalten sich genau so, wie man es aus allen Klischees kennt. Irgendwann wendet einer der beiden sich mir zu und ich bin ganz erstaunt über sein gutes Englisch und darüber, wie viel er über die Gegend weiß. Er erzählt mir, dass die Bauweise der Tempel Angkor Wats ursprünglich aus Indien kommt, dass die Steinblöcke ausgehöhlt wurden, um den Arbeitern die Arbeit zu erleichtern und den hunderten Arbeitselefanten extra Rationen Nahrung gegeben wurde. Bei dem Bau eines Tempels soll nämlich niemand zu Schaden kommen, um den Tempel nicht zu entweihen.

Nach einer Weile biegen wir rechts ab auf eine rote Sandstraße. Jetzt wird es holprig! Nach einer gefühlten Ewigkeit – mir ist schon ganz schlecht – kommen wir an einem – nunja – TümpeDSC01368l an und steigen in ein Boot. Zunächst kommen wir nicht wirklich vorwärts, weil das Wasser sehr niedrig ist und sich allerlei Gestrüpp in den Rotoren verkeilt. Der Kapitän heizt dem Motor ordentlich ein, sodass Dreckswasser in alle Richtungen spritzt und kämpft die Rotorenblätter so frei.

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Links und rechts von uns stehen Häuser auf etwa 6 Meter hohen Stelzen. Normalerweise
„schwimmen“ diese Häuser auf dem Wasser, aber dazu ist es zurzeit zu trocken. Wir sehen Kinder, die Fußball spielen, Frauen, die im Staub Gemüse anbauen, Männer, die in der gleißenden Mittagssonne ihren Bootsmotorreparieren.

Gemüsegarten im Staub

Gemüsegarten im Staub

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Es ist erstaunlich, wie das Leben sich hier am Fluss ausrichtet, auch wenn dieser eher einem Bach gleicht. Ein Junge von vielleicht 12 Jahren und sein wesentlich jüngerer Bruder fahren mit einem beladenen Slowboat an uns vorbei. Eine Frau verkauft Obst und Gemüse aus einem Boot heraus an die Einheimischen.

Obst und Gemüse-Verkauf

Obst und Gemüse-Verkauf

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Ein winzig kleiner Knirps fühlt sich bei seinem Geschäft über offenem Wasser ertappt und zieht ganz schnell die Hose bis über den Bauchnabel; alle anderen Kinder rufen „hello, hello!“ und winken uns zu. Sie spielen inmitten freilaufender Hühner und Unmengen an Müll. Die Schule und die Arztpraxis sind nicht mehr als Holzhütten mit den entsprechenden Schildern. Es ist sehr ernüchternd die Armut der Menschen aus einem Boot heraus zu betrachten. Wie man Tiere auf einer Safari beschaut. Es fühlt sich nicht richtig an, und doch weiß ich, dass dieser aufsteigende Tourismuszweig vielen Menschen einen besseren Arbeitsplatz beschert als das, was sie vor dem Touristenandrang durchmachen mussten. Außerdem sind sie alle freundlich und scheinen sich über unseren Besuch zu freuen. Der Lebensgeist der Menschen hier ist einfach unermüdlich! Sie leben in solcher Armut und sind doch fröhlich und hilfsbereit.

Nach einer Weile erreichen wir den Tonle Sap See. Er ist riesig!

schwimmendes Restaurant auf dem Tonle Sap

schwimmendes Restaurant auf dem Tonle Sap


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Wir genießen den Sonnenuntergang bei einer Limonade, schauen den Frauen hier beim Netze knüpfen zu. Für $5 extra würden sie uns in privaten Holzbooten zu einer nahegelegenen Fischfarm bringen. Krokodilfarmen gibt es wohl auch in der Nähe. Wir finden es aber gerade sehr gemütlich und spielen lieber mit den Kindern vorort.

Der Kleine hier links im Bild freut sich gerade über eine €0,10-Münze. Die Freude soll nicht lange anhalten… Kaum besteigen wir das Boot um den Rückweg anzutreten, reißt die Mutter das Geld an sich.

Auf der Rückfahrt ist alles schläfrig. Zahlreiche Eindrücke müssen verarbeitet werden. Ich bin in Gedanken noch bei der sich spiegelnden Sonne auf dem See.
Wir schaffen es gerade noch uns kurz die Killing Fields in Siem Reap anzuschauen bevor die Tore geschlossen werden. Trotz der schlechten Organisation, trotz des niedrigen Wasserstands, ist dieser Trip seine $18 wert. Zumindest habe ich einiges über mein eigenes Leben gelernt: Mir geht es doch verdammt gut!

Bis bald,
eure Lisa – xoxo

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2 Antworten zu Die (nicht-) schwimmenden Dörfer

  1. Waltraud Wolf schreibt:

    Dies ist der erste Bericht von Lisa den ich gelesen habe und bin über ihre tolle schreibweise fasziniert. Man sollte ihre Berichte zu einem kompletten Buch zusammenfassen. Ich werde auch alle anderen Berichte von ihr noch nachlesen,
    und freue mich schon jetzt darauf.

    Gefällt mir

  2. Pingback: Throwback – All Around the World

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